Die sexuell traumatisierte Gesellschaft Teil 1 – Wie Trauma entsteht

Wir alle sind sexuell traumatisiert – egal, ob wir jemals unsittlich berührt wurden, einer sexuellen Gewalttat ausgesetzt waren oder einfach nur in unserer Gesellschaft aufgewachsen sind.  Warum das so ist und was du als Betroffene/r dagegen tun kannst, erfährst du in dieser Artikelserie.

Teil 1 :  Wie Trauma entsteht

Widmen wir uns zuerst den Erkenntnissen der Traumaforschung, den gesellschaftlichen Konditionierung und den Folgen sexueller Traumatisierung, bevor wir uns damit beschäftigen, wie wir aus dem Schlamassel wieder rauskommen.

Verschiedene Arten von Trauma

Die Traumaforschung unterscheidet zwei Grundarten von Trauma:

Schocktrauma: Ein plötzliches Ereignis, das das Körper-Geist-Seele-System des Menschen überwältigt und uns in eine Art Überlebensmodus drängt.

Auf diese Weise traumatisierte Menschen verfallen oftmals in eine Art innerliche Schockstarre, die sich auf das komplette System auswirkt – also auf den Körper, das Denken, die Emotionen und die Psyche. All diese Aspekte in uns hängen zusammen und wirken wechselseitig aufeinander ein. Diese Schockstarre kann uns unser ganzes Leben lang gefangen halten, wenn wir uns nicht um die Aufarbeitung des zugrunde liegenden Traumas kümmern.

Entwicklungstrauma: Bestimmte Aspekte unserer Entwicklung – in diesem Fall also Sexualität – wurden von unseren frühen Bezugspersonen abgelehnt, verneint, verboten oder beschämt. Dies kann sich auf alle Möglichen Aspekte unserer frühlindlichen Sexualität beziehen, zum Beispiel Doktorspiele, den eigenen Körper erforschen, oder dass Papa plötzlich nicht mehr mit mir kuschelt, weil er nicht weiß, wie er mit meiner beginnenden Entwicklung zur jungen Frau richtig umgehen soll.

Somit entsteht in uns ein Bild, dass wir mit unseren Wünschen, Sehnsüchten und unserer kindlichen Neugier gegenüber Sexualität falsch sind. Wir beginnen diese Neugier zu verdrängen und spalten sie von dem ab, was wir der Welt nach außen von uns zeigen. Wir teilen uns also – wie in anderen Bereichen auch – in die Person, die andere von uns erwarten zu sein und unsere Schattenperson, in der all die ungewollten, unerwünschten Phantasien, Neigungen, Wünsche und Emotionen gespeichert sind, die wir niemandem zeigen dürfen, aus Angst, sonst abgelehnt, beschimpft, beschämt, bestraft und nicht geliebt zu werden.

Unsere Gesellschaft gibt uns den Rest

Selbst wenn wir das unglaublich große Glück hatten, von liberalen und sexuell freien Eltern erzogen worden zu sein, verpasst uns spätestens der Kontakt mit unserer negativ zu Sexualität eingestellten Gesellschaft unseren Anteil an sexueller Traumatisierung, Scham und negativer Konditionierung.

In Kindergarten und Schule kommen wir zusammen mit anderen schock- oder entwicklungstraumartisierten Kindern zusammen, deren Eltern es gar nicht so lustig finden, wenn klein Mäxchen zu Hause erzählt, dass wir wild und freudestrahlend nackt mit unserem Dödelchen in der Hand über die Kindergartenwiese gerannt sind. Außerdem schimpft da auch gleich die Kindergärtnerin mit uns und sagt uns mit bösem Blick, dass wir uns gefälligst wieder anziehen sollen. Sollten unsere Eltern davon Wind bekommen, werden auch sie uns dazu anhalten, dass doch lieber nur zu Hause und nicht in der Öffentlichkeit zu machen.

Spätestens dann schleicht sich in unser kindliches Verständnis ein leises Gefühl ein, dass Sexualität etwas schlechtes, schmutziges, böses und gefährliches ist. Jedenfalls nichts, mit dem man so offen umgeht…

Unser unschuldiges, intuitives Verständnis von richtig und falsch wird „erzogen“

Unsere kindliche Unschuld erleidet einen Schock. Oft verstehen wir gar nicht, wofür wir eigentlich ausgeschimpft wurden. Es fühlt sich doch soooo gut an, wundern wir uns. Aber gut, ich sollte das wohl demnächst nicht so öffentlich machen. Lieber heimlich, versteckt und so, dass mich keiner dabei erwischt.

Und schwupps, da ist er: der Schatten. So schnell wird aus einem sexuell freien, „normalen“ Kind ein sexuell traumatisiertes, beschämtes und unsicheres Kind.

Unser natürlicher Instinkt und unser intuitives Wissen, dass Sexualität etwas schönes, natürliches und gutes ist, wird in Frage gestellt. Weil die soziale Anerkennung und Eingliederung aber wichtiger für unser psychisches und körperliches Überleben ist als die guten Gefühle, fügen wir uns der Norm und verdrängen oder verheimlichen unser Interesse an Sexualität.

Zusätzliche Traumagefahr in den Wirren der Pubertät

In unserem frühesten Lebensabschnitt mögen wir damit vielleicht noch ganz gut klarkommen, doch spätestens, wenn unser natürliches Interesse am anderen (oder gleichen) Geschlecht erwacht, sind wir ganz schön in Not.

Wir fühlen uns hingezogen zu den erblühenden Mädchenkurven oder den starken, trainierten Oberkörpern, spüren das brennende Feuer in unseren Lenden, erwachen mit feuchten Schlafanzughosen oder beginnen untenrum zu bluten. Der Freund, mit dem wir gestern noch so unverfänglich gespielt haben, verhält sich plötzlich ganz merkwürdig zu uns, beleidigt uns womöglich sogar und wir wissen nicht, was wir falsch gemacht haben.

Unser Interesse und unsere Gefühle stehen im krassen Widerspruch zu unserer Konditionierung und wir schwanken zwischen Scham, Schuld und brennendem Verlangen. Wenn wir uns diesem dann hingeben, tun wir das nicht freien Herzens sondern versteckt und ängstlich.

Nähern wir uns dem Subjekt unserer Begierde und lassen unser Interesse erkennbar werden, ernten wir nicht selten Ablehnung, Spott, Bloßstellung oder verwunden uns durch Herzschmerz.

Perversion, Gewalt, Depression und andere psychische Störungen – die Folgen sexueller Traumatisierung

Die Verdrängung unserer vitalen Triebkräfte, welche auch unserer Lebenskraft entspricht (siehe: das ekstatische Manifest Teil 1) kostet unglaublich viel Energie und jeder Mensch findet andere Überlebensstrategien und Mechanismen, mit dieser Traumatisierung umzugehen.

Viele stürzen sich in Ablenkung und leiten ihre sexuellen Triebkräfte in sportliche Leistungen, eine steile Karriere oder einen hohen gesellschaftlichen Status um. Andere werden zum Rebell und leben ihre Triebe ungezügelt, jedoch oft abgespalten von ihren tieferen Gefühlen, aus. Manche richten ihre Wut über die Beschämung oder ihre verdrängten, unterdrückten Triebkräfte in Form von Aggression oder Gewalt nach außen, widmen sich stundenlangem Pornokonsum, entwickeln Essstörungen als Ersatzbefriedigung oder internalisieren die Gefühle von Schuld, Scham und „Ich bin falsch“ und entwickeln überangepasstes Verhalten und Helfersyndrome.

Sexuelles Schocktrauma ist die häufigste Ursache ernsthafter psychischer Störungen wie Posttraumatische Belastungsstörung, Borderline oder Depressionen.

Wundert es unter diesen Gesichtspunkten noch jemanden, dass unsere Welt so ist, wie sie ist?

Hoffnungslose Lage?

Ja, ich gebe zu, diese Analyse unserer psychosexuellen Entwicklung ist auf den ersten Blick kein Grund für Luftsprünge. Dennoch beginnt jede Veränderung und Entwicklung mit dem Anerkennen des Ist-Zustandes. Haben wir keinen klaren Startpunkt für unser inneres Navigationssystem, ist es schwer, eine korrekte Route zu unserem Ziel zu berechnen.

Ich möchte, dass du diese neuen Erkenntnisse erst einmal für dich sacken lässt und dich fragst, ob du dich an irgendeinem Punkt dieser Analyse wiedererkannt hast. Gehe einmal innerlich zurück in deine Kindheit und schau dir deine eigene Geschichte zum Thema sexuelle Traumatisierung an. Frage dich ehrlich, wie dich diese frühe Prägung heute noch beeinflusst.

Auch wenn es weh tun oder dich aufrütteln mag, es bringt nichts, diesen Schritt zu überspringen, denn die Erkenntnis ist die Basis auf der Heilung geschehen kann und Erkenntnis und Heilung sind zwei meiner Hauptanliegen, die ich mit diesem Blog verfolge.

In Teil 2 geht es weiter mit dem, was wir nun für unsere sexuelle Heilung tun können. Egal wie alt wir sind oder wie schwer unsere Traumatisierung wiegen mag – es gibt IMMER die Möglichkeit der Heilung!

Das Leben wartet nur darauf, dass du dich den Möglichkeiten zur Heilung zuwendest! Schau dir die Erde an. Selbst nach einem nuklearan Fallout ist die Erde bereit sich zu regenerieren. Wir sind viel Widerstandsfähiger als wir oftmals denken zu sein und Heilung ist viel näher als wir manchmal vermuten oder zu hoffen wagen.

Lass dir dies sagen von einer, die es aus eigener Erfahrung wissen muss!

In Liebe und Verbundenheit zu dir und deinem inneren Kind.

Lucya

 

 

Von | 2017-10-30T11:31:02+00:00 Oktober 30th, 2017|Better Life, Better Sex|2 Kommentare

2 Kommentare

  1. […] Eine sexuell traumatisierte Gesellschaft? Das geht doch nun wirklich ein bisschen zu weit! Das war eine gar nicht mal so seltene, noch harmlos formulierte, Reaktion auf den ersten Teil der Artikelserie. […]

  2. […] Die sexuell traumatisierte Gesellschaft Teil 1 – Wie Trauma entsteht […]

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